Metronidazol
Metronidazol ist ein Nitroimidazol-Antibiotikum gegen anaerobe Bakterien und Protozoen, eingesetzt bei Trichomoniasis, bakterieller Vaginose, Giardiasis, Amöbiasis, C.-difficile-Infektion und H.-pylori-Eradikation. Als Flagyl eingeführt, in Deutschland auch als Clont und Generikum verbreitet.
- Summenformel
- C6H9N3O3
- CAS-Nummer
- 443-48-1
- ATC-Code
- P01AB01
- Molekulargewicht
- 171.16 g/mol
- Wirkstoffklasse
- Nitroimidazole antimicrobial
- Auch bekannt als
- Flagyl, Metronidazol, Metronidazolum
What is it?
Metronidazol ist ein synthetisches Nitroimidazol, das Ende der 1950er Jahre bei Rhône-Poulenc entdeckt und 1960 als Flagyl eingeführt wurde, zunächst zur Behandlung von Trichomonas vaginalis. Die Wirkung gegen anaerobe Bakterien fiel wenige Jahre später auf, als bei einer Patientin unter Trichomoniasis-Therapie eine Zahnfleischentzündung abheilte; das öffnete den Weg zu chirurgischen, zahnärztlichen und intraabdominellen Indikationen. In Deutschland ist der Wirkstoff als Clont, Flagyl, Arilin und zahlreiche Generika im Handel. Das Molekül ist klein (171 g/mol), kostengünstig und als Tablette, Suspension, Infusion, Vaginal- und Hautpräparat verfügbar. Es steht auf der WHO-Liste unentbehrlicher Arzneimittel.
Wirkmechanismus
Metronidazol ist ein Prodrug, das durch passive Diffusion in Zellen gelangt. In anaeroben Bakterien und Protozoen reduzieren Elektronenüberträger mit niedrigem Redoxpotenzial wie Ferredoxin die Nitrogruppe, wobei Nitroso- und Hydroxylamin-Radikale entstehen. Diese Zwischenprodukte binden an die DNA, brechen die Stränge und destabilisieren die Helix, sodass die Replikation stoppt und die Zelle abstirbt. Die Reduktion erzeugt zudem ein Konzentrationsgefälle, das weiteren Wirkstoff in den Erreger zieht. Aerobe und fakultative Zellen können die Nitrogruppe in Gegenwart von Sauerstoff nicht wirksam reduzieren, was die selektive Toxizität erklärt. Die Wirkung ist bakterizid und weitgehend unabhängig von der Wachstumsphase des Erregers.
Pharmacokinetics
Die orale Bioverfügbarkeit liegt nahe 100 %, maximale Plasmaspiegel werden etwa 1 bis 2 Stunden nach der Einnahme erreicht. Die Proteinbindung ist gering (unter 20 %), die Verteilung breit: Therapeutische Konzentrationen finden sich in Abszessen, Galle, Knochen, Liquor, Speichel, Muttermilch und Vaginalsekret. Der hepatische Abbau, vor allem über CYP2A6 und Seitenkettenoxidation, liefert einen Hydroxy-Metaboliten mit 30 bis 65 % der Wirksamkeit der Muttersubstanz. Die Eliminationshalbwertszeit beträgt etwa 8 Stunden und ist bei schwerer Leberinsuffizienz verlängert. Rund 60 bis 80 % der Dosis werden über den Urin ausgeschieden, der sich dabei häufig dunkelbraun verfärbt.
Indications
Metronidazol ist indiziert bei Trichomoniasis, bakterieller Vaginose, Giardiasis, intestinaler und extraintestinaler Amöbiasis sowie bei Infektionen durch anaerobe Bakterien wie Bacteroides, Clostridium, Fusobacterium und Peptostreptococcus. Dazu zählen intraabdominelle und pelvine Infektionen, Hirnabszess, Aspirationspneumonie, Osteomyelitis und odontogene Infektionen. Es ist Bestandteil von Tripel- und Quadrupeltherapien gegen Helicobacter pylori, eine Behandlungsoption bei Clostridioides-difficile-Infektion und wird zur perioperativen Prophylaxe in der Kolorektalchirurgie sowie topisch bei Rosazea eingesetzt. Laut klinischen Leitlinien sollte es nachgewiesenen oder dringend vermuteten anaeroben oder protozoalen Infektionen vorbehalten bleiben.
Safety profile
Häufige Nebenwirkungen sind Übelkeit, metallischer Geschmack, Appetitlosigkeit, Kopfschmerzen und dunkler Urin. Mit Alkohol kann eine disulfiramartige Reaktion (Flush, Erbrechen, Tachykardie) auftreten; Alkohol sollte während der Behandlung und 48 Stunden danach gemieden werden. Periphere Neuropathie und selten Krampfanfälle, Enzephalopathie oder Optikusneuropathie sind mit langen oder wiederholten hochdosierten Therapien verbunden; neu auftretende Taubheit oder Kribbeln erfordert das Absetzen und eine ärztliche Rücksprache. Metronidazol verstärkt Warfarin und Phenprocoumon, erhöht den Lithiumspiegel und ist mit Disulfiram kontraindiziert. Die bei Nagetieren beobachtete Kanzerogenität wurde beim Menschen nicht bestätigt, unnötig lange Therapien werden aber vorsorglich vermieden.
Arzneimittel mit diesem Wirkstoff
Häufig gestellte Fragen
Wie lange besteht nach Metronidazol das Risiko einer disulfiramartigen Reaktion? ▾
Die Wechselwirkung gilt üblicherweise für die gesamte Behandlungsdauer und mindestens 48 Stunden nach der letzten Dosis, weil Wirkstoff und aktiver Metabolit etwa zwei Tage zur Ausscheidung brauchen. Manche Fachinformationen raten zu 72 Stunden. Die Reaktion umfasst Flush, Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Herzklopfen und kann auch durch Alkohol in Arzneimitteln und Mundspülungen ausgelöst werden. Treten nach versehentlicher Einnahme Beschwerden auf, sollte Arzt oder Apotheker kontaktiert werden.
Ist Metronidazol ein Antibiotikum oder ein Antiparasitikum? ▾
Beides. Metronidazol wird als Antiprotozoikum (ATC P01AB01) und als Antibiotikum (J01XD01) klassifiziert, weil derselbe Mechanismus der Nitrogruppen-Reduktion in anaeroben Bakterien und in Protozoen wie Trichomonas, Giardia und Entamoeba funktioniert. Gegen aerobe Bakterien, Pilze oder Viren besitzt es keine nützliche Wirkung, weshalb es bei Mischinfektionen häufig mit anderen Wirkstoffen kombiniert wird.
Warum verursacht Metronidazol einen metallischen Geschmack? ▾
Der Wirkstoff und seine Metaboliten werden in den Speichel abgegeben, wo sie Geschmacksrezeptoren reizen und den typischen metallischen oder bitteren Geschmack erzeugen. Er betrifft einen großen Teil der Patienten, ist harmlos und verschwindet wenige Tage nach dem Absetzen. Die Einnahme zu den Mahlzeiten, zuckerfreier Kaugummi oder Mundspülen helfen. Dunkler oder rotbrauner Urin durch die Metaboliten ist ein ebenso harmloser Effekt.
Darf Metronidazol in der Schwangerschaft angewendet werden? ▾
Metronidazol passiert die Plazenta, doch große Kohortenstudien und Metaanalysen zeigten keine erhöhte Fehlbildungsrate, und Leitlinien akzeptieren die Anwendung bei symptomatischer bakterieller Vaginose und Trichomoniasis in der Schwangerschaft. Viele Verordner vermeiden die Einmaldosis von 2 g im ersten Trimenon und bevorzugen eine 7-tägige Therapie. Wie bei jedem Arzneimittel in der Schwangerschaft sollte die Entscheidung gemeinsam mit dem behandelnden Arzt getroffen werden.
Wie hoch ist das Neuropathierisiko unter Metronidazol? ▾
Eine periphere Neuropathie ist bei üblichen 7- bis 10-tägigen Therapien selten, wird aber wahrscheinlicher bei kumulativen Dosen über etwa 40 g oder einer Behandlungsdauer von mehr als 4 Wochen, etwa bei Morbus Crohn oder chronischer Osteomyelitis. Symptome sind Taubheit, Kribbeln oder Brennen in Füßen und Händen. Laut Fachinformation sollte der Wirkstoff beim Auftreten solcher Beschwerden abgesetzt werden; die meisten Patienten bessern sich danach, die Erholung kann jedoch Monate dauern.
Gibt es eine Wechselwirkung zwischen Metronidazol und Marcumar? ▾
Ja. Metronidazol hemmt den Abbau von Cumarin-Antikoagulanzien wie Phenprocoumon (Marcumar) und Warfarin und kann den INR innerhalb weniger Tage erhöhen, was das Blutungsrisiko steigert. Laut Fachinformation benötigen antikoagulierte Patienten in der ersten Woche der gemeinsamen Anwendung eine INR-Kontrolle und gegebenenfalls eine vorübergehende Dosisreduktion des Antikoagulans.
Quellen
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